Triangelportal des Erfurter Domes muss komplett saniert werden

Es gibt dringenden Handlungsbedarf am Erfurter Dom. Das Triangelportal, das Anfang der Woche für Besucher gesperrt wurde, muss aufwendig restauriert und saniert werden.

Reinhard Hauke, Weihbischof und Dompropst in Erfurt, sorgt sich um den Teufel. Dem sind nämlich die Hörner abgebrochen. Und beim Erzengel Michael, der mit ihm kämpft, fehlen einige Fußzehen. Dringender Handlungsbedarf also, doch leider nicht nur bei diesen beiden Figuren am Triangelportal des Erfurter Domes. Die ganze in ihrer Architektur einmalige Portalanlage der Hochgotik muss saniert werden, wie eine jüngst eingeleitete Überprüfung ergeben hat.

Steinabbrüche führten zu Untersuchungen

Anlass für die Untersuchung waren Steinfragmente, die sich aus dem Triangelportal gelöst hatten und zu Boden gefallen waren. Das Dombauamt sah sich gezwungen, den Haupteingang des Domes weiträumig mit Bauzäunen abzusperren. Immerhin besuchen jährlich rund 500.000 Menschen den Mariendom. Mittlerweile führt eine bedachte Schleuse in das Innere der Kathedrale. Für die Sicherheit der Besucher ist also gesorgt. Aber die eigentliche Aufgabe wartet noch auf ihre Bewältigung.

Schon der Klang des Wortes „Triangelportal“ lässt ahnen, dass es sich dabei nicht um eine gewöhnliche Tür handelt, deren Defekte ein Zimmermann mit ein paar Handgriffen zügig richten könnte. Zur Sanierung steht vielmehr ein zweigeschossiger Portalvorbau an. Er wurde nach 1330 über dem Grundriss eines gleichseitigen Dreiecks als erstes gotisches Bauteil an den romanischen Dom gebaut. Das Meisterwerk ragt, gekrönt von einer sechseckigen Spitzhaube, über 33 Meter in die Höhe.

Zwei mächtige doppeltürige Portale führen in den Dom. 36 Figuren, darunter die zwölf Apostel auf der Ostseite und die nach Westen hin aufgestellten törichten und klugen Jungfrauen sowie Darstellungen der Kreuzigung und von Christus mit Maria und Johannes dem Täufer als Fürbittenden, entfalten ein steinernes Bildprogramm um die christlichen Themen Nachfolge Jesu, Hoffnung und Erlösung. Über den Portalen lenken das filigran gestaltete Maßwerk, vier hohe Spitzbogenfenster und etliche Filialen den Blick des Betrachters zum Himmel und damit, wie es die gotische Baukunst wollte, zum himmlischen Jerusalem. Ein Motiv, das für die Beheimatung des Menschen bei Gott als seinem letzten Ziel steht.

Umwelteinflüsse entfalten zerstörerische Wirkung

Doch Erhabenheit und Schönheit schützen nicht vor dem Zahn der Zeit, der auch an Meisterwerken nagt. So sind es vor allem Umwelteinflüsse, die dem Triangelportal zugesetzt haben. Selbst banales Regenwasser kann ein Problem sein. Der beim Bau großzügig verwendete Seeberger Sandstein hat eine offenporige Struktur, die es Feuchtigkeit erlaubt, schnell einzudringen. Mit dem Wasser kommen leicht lösliche Salze in den Stein, die sich über Jahre im Mauerwerk anreichern und mit ihrer Umgebung reagieren. So bilden sich – am Jungfrauenportal deutlich zu sehen – teils großflächige Salz-Ausblühungen. 

Im Inneren der Steine baut sich dagegen durch den Salzbefall Druck auf, der zu Rissen, Ausbrüchen und sogenannten Absandungen führt und das Gefüge der Steine lockert. Auch die Fugen leiden unter diesen Prozessen. Sie öffnen sich oder reißen gar. Das Mauerwerk droht in Folge auseinander zu driften und schwächt so die Stabilität des Triangelportals. Temperaturschwankungen und der Wind tun ein Übriges.

Selbst im Spätherbst kann die Sonne den morgens noch kalten Dom-Sandstein auf über 50 Grad Celsius erhitzen, ehe er abends wieder abkühlt. Das dadurch bedingte Ausdehnen und Zusammenziehen des Steins führt zu Haarrissen, die im Lauf der Zeit immer größer werden. Rüttelt und zerrt dann noch der Wind am Triangelportal, der im „Luftkanal“ zwischen Dom und benachbarter Severi-Kirche enorme Geschwindigkeiten entfaltet, verstärken sich die Kräfte, die dem Portal zusetzen, erheblich.

Jahrhundertelang konnten die Elemente ihre zerstörerische Wirkung entfalten, denn vor dem 16. Jahrhundert gab es nach heutigem Wissensstand nur wenige bauerhaltene Maßnahmen am Triangelportal. Dass es dennoch nicht akut einsturzgefährdet ist, verdankt Dombaumeister Andreas Gold auch seinen Vorgängern. Von 1858 bis 1861 erfolgte zum ersten Mal eine umfassende Restaurierung, die auch die Skulpturen einschloss. 1971/72 kümmerte man sich erneut um die Kreuzigungsgruppe am Apostelportal, und Anfang der 1980er Jahre wurde eine Steinsanierung durchgeführt.

Was damals ergänzt oder wiederhergestellt wurde, ist heute teilweise wieder abgesprungen oder verloren gegangen. Größeres Kopfzerbrechen bereiten Dombaumeister Gold die im 19. Jahrhundert verwendeten Eisenverankerungen, die die Maßwerkteile miteinander verbinden. Eisen kann rosten, und genau das ist am Triangelportal der Fall. Wobei das auch nur dort feststellbar ist, wo die Verankerungen mittlerweile freiliegen. Was bei der letzten Sanierung an Eisen übermörtelt wurde, müsste erst freigestemmt werden, um es überprüfen zu können.

Totalsanierung des Triangelportals nötig

Dazu wird es jetzt kommen. „Es gibt keine Alternative zur Totalsanierung“, sagt Andreas Gold. „Dass wir irgendwann ans Triangelportal ran müssten, war mir immer klar. Dass es zum jetzigen Zeitpunkt und so umfassend geschehen muss, ist dennoch eine Überraschung.“ Die unzugängliche Pracht des Triangelportals erwies sich immer schon als wenig pflegeleicht. Und die aktuellen Schäden lassen sich nicht im Vorübergehen entdecken, wenn sie überhaupt an der Oberfläche zu sehen sind. Erst die Spezialuntersuchung führte zur beinahe vollständigen Schadensermittlung.

Denn um die Skulpturen eingehend untersuchen zu können, müssen sie erst abgenommen und in eine Werkstatt gebracht werden. „Das kommt uns sogar billiger, als wenn wir die Figuren bei der Portalsanierung zu ihrem Schutz einhausen würden“, sagt Gold. Wie die Sanierung des Triangelportals im Detail aussieht, steht noch nicht fest und muss zudem mit dem Denkmalschutz abgestimmt werden. Der Dombaumeister rechnet mit einem Zeitaufwand von etwa anderthalb Jahren für die Arbeiten am Portal. Billig wird es keinesfalls werden. 1,6 Millionen Euro, lautet die erste, vorsichtige Kostenschätzung des Dombauamtes. 

Doch Dompropst Reinhard Hauke gibt sich optimistisch. „Wir werden als Domkapitel unseren Beitrag leisten, und dann schauen wir mal, wer sonst noch helfen kann“, sagt Hauke. Ihm ist bisher zu solchen Herausforderungen immer noch etwas eingefallen.



Daten zur Baugeschichte des Erfurter Domes:


742: Gründung des Bistums Erfurt. Erster Kirchbau auf dem Domberg
1153: Einsturz einer "Basilika minor"
1154: Baubeginn einer romanischen Basilika auf dem Domberg
1182: Weihe der Basilika
1201: Fertigstellung des Südturms
1237: Fertigstellung des Nordturms
1290: Weihe der ersten Chorverlängerung östlich des romanischen Sanktuariums
Vor 1307: Fertigstellung des Mittelturms
Bis 1329: Bau der sogenannten Kavaten, des Unterbaus für den Hohen Chor
Um 1330: Triangel-Portalvorbau an der Nordseite des nördlichen Querhauses
1349: Grundsteinlegung für den Hohen Chor in seiner heutigen Gestalt
1370: Weihe des Hohen Chores
1455: Abriss des Langhauses der romanischen Basilika und Baubeginn der spätgotischen Halle; 1465 ist das neue Langhaus bereits nutzbar
1707: Aufstellung des barocken Hochaltares
1868: Umbau des spätgotischen Langhausdaches
1968: Demontage der neugotischen Dachkonstruktion und Errichtung eines neuen Daches in der spätgotischen Form
1979: Beginn der Steinsanierungsarbeiten und der Sanierung der mittelalterlichen Glasmalerei des Hohen Chores
2000: Restaurierung des barocken Hochaltares
2002 bis 2004: Sanierung der Turmanlage wegen Rissbildungen und des Hohen Chores
2004: Wegen eines Haarrisses muss die große Domglocke "Gloriosa" in einer spektakulären Aktion aus dem Dom ausgebaut und außerhalb Thüringens geschweißt werden. Am 8.Dezember 2004 wurde sie nach der Reparatur das erste Mal wieder im Erfurter Dom geläutet.
2016: Wissenschaftliche Untersuchung und Beginn der Restaurierung des monumentalen Marienmosaiks.  

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